18.12.11

Dinge

..."Wie Objekte weitergegeben werden, hat mit Geschichtenerzählen zu tun. Ich gebe dir das, weil ich dich liebe. Oder weil man es mir gegeben hat. Weil ich es an einem besonderen Ort gekauft habe. Weil du darauf achtgeben wirst. Weil es dein Leben komplizieren wird. Weil es jemand anderen neidisch machen wird. Vermächtnisse erzählen keine einfachen Geschichten. Woran erinnert man sich, was wird vergessen?" ...

Ich habe gerade begonnen "Der Hase mit den Bernsteinaugen" von Edmund de Waal zu lesen - das obige Zitat stammt aus der Einleitung. Abgesehen davon, dass mich das Buch und de Waals Art zu schreiben sehr anspricht - dieser kurze Abschnitt rastete wie ein Puzzleteil ein. Gedanken, die mich grad immer wieder bewegen - der Umgang mit den Dingen, die mich umgeben, die mir etwas wert sind, unabhängig von materiellem Wert und warum sie das sind. Und wie gehe ich, wie gehen wir damit um. Denn da sind meine Dinge. Die Dinge des Besten Ehemanns (zugegeben, nicht allzu viele). Und in diesem Jahr besonders: die Dinge der Tante, der Oma, der SchwieMu.

Bei den Verstorbenen - was war ihnen wertvoll? Was hätten sie gern an uns weiter gegeben? Und womit verbinden wir unsere Geschichten und Erinnerung? Brauchen wir die Dinge dazu? Oder können sie dinglich verschwinden und bleiben doch geistig erhalten? Und letztlich - was heben wir dann auf und was geben wir weiter - und vor allem wohin?
Bei der Tante, die so aktiv in der Tafel war, kam so eine Arte Gebrauchtwarenkaufhaus, die ganz viel "verwertet" haben - der Rest wurde entrümpelt, also weggeworfen. Was wir mitgenommen haben - zwei Wäschekörbe voll - wurde in einer Familiensitzung gesichtet und verteilt. Ein wenig Schmuck, viele Fotos, ein paar Rollenbücher (sie war beim Theater), das Bundesverdienstkreuz (das wollte dann doch keiner wegschmeissen).
Bei der Oma war eh nur noch ganz wenig da. Aber das waren Dinge, an denen sie besonders hing. Weniges - wie ihr Sessel - blieb im Altenheim. Weniges bei uns und den anderen Enkeln. Und dann auch - Müll.
Bei der SchwieMu die Verkleinerung eines Hauses in eine Drei-Zimmerwohnung! Sie selbst hat ausgesucht, welche Dinge sie begleiten, für sie Bedeutung haben. Und es wird deutlich, wie persönlich diese Einschätzung doch ist - da finde ich doch manches verwunderlich, was sie für entbehrlich hält und ebenso, was des Mitnehmens wert. Die Verteilung manchmal schwierig - wenn der einen Seite das Angebotene doch so "wertvoll" erscheint, der anderen die Bedeutung völlig unklar bleibt. Die Verständigung war da manchmal schwierig. Und wie bitter, dass hier doch fast alles Verbliebene entrümpelt wurde.

Sozusagen "drohend" der Haushalt meiner Eltern. Vollgestopft mit Erinnerungen. Meinen eigenen natürlich, aber die kann ich ja recht leicht für mich ordnen und werten. Schwerer wiegen da die Erinnerungen der Genrationen vorher, denn mein Vater verbindet so viele der Dinge, die ihn umgeben mit Geschichte und Geschichten seiner Familie. Unvorstellbar für ihn, diese Dinge zu "Hinterlassen" im Sinne von hinter sich zu lassen. Ganz wichtig ist es ihm, zu wissen, was wohin kommt, wer von seinen Kindern Möbel, Bücher, Geschirr usw. erhalten wird, möglichst mit den Geschichten dazu. Und ich spüre, wie ich mich wappnen muss. Denn ich bin anfällig für diese Dinge, mit denen Geschichten verbunden sind, die mich mit den Generationen vor mir verbinden. Und das ist ja auch schön - nicht nur davon in Büchern zu lesen, sondern selbst solche Dinge zu haben, sich damit zu umgeben.
Und ich erlebe an ihm aber auch, welche Last das werden kann, in der die Lust an den Dingen ganz verschwindet. Wenn dann nämlich das Geschirr nicht benutzt werden darf, damit nichts kaputt geht. Wenn das Haus voll damit ist und mit den Erinnerungen und die Gegenwart so wenig Platz hat - dinglich und geistig. Wenn ich mich davon nicht mehr lösen kann, nicht frei sein kann, wenn all diese Dinge mich festhalten, bedrängen, mir das Leben schwer machen.

Welche Dinge habe ich schon?
Als meine Omi starb, habe ich mir ihre Standuhr gewünscht. Die steht immer noch in unserem Wohnzimmer, schon seit vielen Jahren ist das Schlagwerk abgestellt, das Uhrwerk braucht eine Generalüberholung. Sie passt hier überhaupt nicht mehr her. Den dazu passenden Glasschrank habe ich vor ein paar Jahren verkauft, nachdem er jahrelang ein Dasein im Keller und auf dem Dachboden fristete. Der Plan, ihn irgendwann zum Geschirrschrank zu machen war eine Luftblase. Der Entschluss, mich auch von der Standuhr zu trennen ist gefasst und braucht nur noch ein wenig Reife, bis er in die Tat umgesetzt wird.
Ich habe ja dann noch ihr Geschirr, das "Indisch Blau". Ich benutze es quasi nie. Wir trinken aus Haferln, nicht aus Tassen. Die Teller dienen als Aushilfe, wenn die weissen grad alle schmutzig sind. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich auf Omis Sofa sitzen, die Teetasse vor mir, die Standuhr an der Wand, auch bei ihr schweigend wegen der Nachbarn.
Eigentlich brauche ich nichts als diese Erinnerung.

Neu: ein Strohkörbchen mit Geschichte (stand immer auf dem kleinen Nähkasterl, das im übrigen ja auch bei mir steht und so unpraktisch ist...), gefüllt mit Stickgarn aus Teenager-Tagen und der Zeit der Stickbilder, grade frisch von meiner Mutter an mich weiter gegeben. (Die versucht nämlich grad, meinen Vater Stück für Stück zu befreien.)

Ein ganze Batterie Sammeltassen und groß und klein. Die Kleinen werden immer mal benutzt, als Espressotassen. Auch wenn sie von Hand gespült werden müssen. Und dabei denke ich wahlweise an die eine oder andere Tante, je nachdem aus welchem Haushalt sie stammt. Und ja, ich liebe diese Tassen. Und hätte gern einen richtigen schönen Schrank, in dem ich sie ausstellen kann.

Ein Vertiko. Restauriert von meinem Cousin, zu dem ich eigentlich kaum eine Verbindung hatte und der quasi verschollen ist. Aber es stand bei meiner Tante im Atelier, eine Erinnerung an sie und die seltenen Besuche bei ihr. Es ist schön und begleitet mich schon lange. Es bräuchte mal wieder eine heilende Hand und ein bisschen innwendige Ordnung, denn innen drin sind ganz viele Dinge, die einer Entscheidung bedürfen...

Kommentare:

  1. ah, der "hase" steht auch weit oben auf der liste. ich bin gespannt, was dann so bei mir passiert.
    komisch, dass das thema des bewahrens und trennens so präsent ist (auch meine mama hat sich da einige zimmer vorgenommen) und ich hätte hier gerne mehr platz für den einen und den anderen schrank und die erinnerungen.
    noch eine schöne 4te adventwoche
    wünscht kiki

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Christine,
    ich fand das jetzt sehr bemerkenswert geschrieben!
    Ehrlich gesagt, mir ging das auch so. Entschieden hatten wir damals, vor 27 Jahren, dass wir das Esszimmer behalten würden. Das haben wir gemacht. Letztes Jahr mussten die Stühle gehen, wir kauften neue. Die Vitrine steht immer noch und wir sehen sie gerne. Wir wohnen im Elternhaus, es sind noch Dinge da, aber nicht mehr so viele. Irgendwann hatte ich mich entschlossen, dass ich meine Eltern auch ohne all diese Dinge nie vergessen würde. In meinem Büro steht noch ein schöner, alter Rollschrank, und der bleibt auch.
    Ich denke mir, dass wir auch einmal eigene Wege gehen, und dazu gehört auch sich von Ballast zu befreien. Das ist nichts Schlechtes, aber ungemein Befreiendes.

    Liebe Grüße, Brigitte

    AntwortenLöschen